Was ist eine Lesehitsche?

Hervorgehoben

Ich bin in Dresden geboren und aufgewachsen, also ein waschechter Sachse,  Eine Fußbank nennen wir Sachsen Hitsche.
So eine Hitsche benutze ich, wenn ich in den obersten Regionen des Bücherschrankes stöbere. Oft setze ich mich dann gleich vor den Bücherschrank auf diese Hitsche und blättere in den Büchern, meist aber nicht in dem gesuchten. Das habe ich dann noch gar nicht gefunden.
Nach dem das geklärt ist kann es ja losgehen. Ich werde hier also ab und zu mich zu Büchern, Schriftstellen und auch zu Kritiküssen äußern.
Ich wünsche allen die meinen Blog besuchen und mir viel Spaß

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Suhsi in Suhl

Die charmante, kluge Leserin, der aufmerksame und kritische Leser, sie mögen mir verzeihen.

Denn diesmal ist es kein Buch auch kein Autor sondern ein Film über den ich unbedingt schreiben muss.

„Sushi in Suhl“. Zugegeben der Film ist nun schon vor zwei Jahren über die Kinoleinwand geflimmert. In meinem Weißwasser gibt es zwar jede Menge Glas aber halt kein Kino.

Am 06.12.2014 wurde er aber im Fernsehen bei Eins Festival ausgestrahlt.

So wie die Schauspieler agierten, erinnert das stark an das epische Theater von Brecht. Da aber meine Gefühle ständig von mir verlangen für oder gegen den Helden zu sein, habe ich so meine Probleme mit dieser epischen Form.

Dann hat dieser Film durchaus männerfeindliche Aspekte: Die beiden westdeutschen Handelsbosse werden beim betreten des Sentö- Bades in ihrer ganzen prachtvollen Nacktheit gezeigt. Wahrscheinlich eine Verbeugung der Filmemacher vor den Damen. Uns Männern dagegen wird der, sicher phantastische, Anblick der attraktiven HO – Chefin versagt. Das sind aber nur kleine Dinge am Rande.

Gezeigt wird, wie mitten in Suhl ein Mann seinen Traum verwirklicht. Wenn, wie oft betont, sich der Film an der wahren Geschichte des Rolf Anschütz orientiert, dann ist dieser für mich kein Held. Er setzt sich nicht gegen das System in der DDR durch sondern nur mit Hilfe dieses System kann er seinen Traum verwirklichen. Das geschieht rücksichtslos. Folgerichtig verliert er seine Familie. Nur sein Ziel im Kopf, ist er unfähig, seine Ehe zu erhalten und begreift auch die Versöhnungsangebote seiner Frau nicht. Anschütz kocht japanisch. Das ist seine Berufung, darin lebt er. Die Suhler Bevölkerung ist begeistert und steht Schlange. Die Staatsmacht wird Aufmerksam und nutzt immer mehr das nunmehr japanische Restaurant des Rolf Anschütz. Prominente aller Couleur finden sich ein. Die normalen Bürger haben keine Chance mehr. Anschütz denkt auch nicht mehr an seine Freunde, mit denen er immer Montags einen Überraschungsabend veranstaltete. Vor der Japanepoche. Seine Freunde halfen ihn sogar seinen Traum zu verwirklichen.

Als Anschütz sich an seine Freunde erinnert ist es zu spät. Auch diese hat er verloren.

Deshalb fällt es mir auch so schwer, ihm zu glauben, als er während seiner Japanreise davon spricht, dass er wieder in seine Heimat möchte. Ich kaufe ihm ab, dass er zurück möchte. Denn in Japan wäre er halt nur ein normaler Koch. In Suhl aber ist er der außergewöhnliche, von den Oberen gehätschelte Koch. Aber Heimat, das ist nicht nur Natur, sondern auch Familie, und Freundschaft. Das hat Anschütz aber Alles verspielt. Was bleibt nun noch von Heimat? Er ist längst selbst zur Geisha geworden, zum Diener der “Staats- und Parteiführung“.

Sushi in Suhl ist kein Film, der die Geschichte der DDR aufarbeitet. Es ist ein Film der zeigt, wie sich ein Mann seinen Traumerfüllt, aber dabei einsam und nicht glücklich wird.

Träume verwirklichen ist gut und richtig. Jedoch muss man seine Lieben dabei mitnehmen, soll kein Alptraum daraus werden.

(Sushi in Suhl 2012 Regie: Carsten Fiebeler; Rolle des Rolf Anschütz: Uwe Steimle)

Schwan / Tillman: Vermächtnis Die Kohlprotokolle

Ein Bundeskanzler wird demontiert.

Die Autoren:

Heribert Schwan: Dr. phil. geboren 1944 war Redakteur beim Deutschlandfunk und beim WDR – Fernsehen. Erhielt den Adolf Grimme Preis für seinen Film „Die verdrängte Gefahr – Neonazismus.
Tilman, Jens geboren 1954 lebt in Frankfurt am Main. Zahlreiche Dokumentationen für ARD und Arte. Mitarbeit bei den Kulturmagazinen von ARD, 3 Sat, Arte.

Das Buch

Es hat seinen Grund warum ich die Autoren und ihre Tätigkeiten kurz erläutert habe. Wir werden noch sehen warum.

Heribert Schwan wurde als „Ghostwriter“ für die Autobiographie Helmut Kohls engagiert. In den Jahren 2001 und 2002 entstanden so 630 Stunden Tonbandaufzeichnungen. Diese sind die Grundlage für das Buch. Obwohl: Es verdient die Bezeichnung Buch wirklich nicht. Auf 220 Seiten werden ausgesuchte Zitate kommentiert. (Gesamtseitenzahl: 256. 14 Seiten für Vorsatzblätter, Inhaltsverzeichnis und Vorwort sowie 22 Seiten für den Anhang, bleiben 220).

Die beiden Autoren zitieren Helmut Kohl immer nur in kurzen Abschnitten. Diese werden dann flapsig ironisch kommentiert. Selten, und dann nur angedeutet, wird deutlich warum Herr Kohl so abfällige Bemerkungen über seine Zeitgenossen äußert. Aus 630 Stunden Gesprächsaufzeichnungen werden nur Schnipsel die in das Konzept des Buches passen herausgerissen und aus der Sicht der Autoren erläutert und kommentiert.

Immer wieder kommen die Journalisten auf die Spendenaffäre zu sprechen und versuchen das Schweigen Helmuts Kohl als schlimme kriminelle Tat darzustellen. Das jedoch nenne ich kriminell! Jeder Bürger unseres Landes hat das Recht die Aussage zu verweigern. Man kann niemanden, nur weil er Bundeskanzler war, dieses Recht verweigern. Herr Kohl hat sein Wort gegeben und er hält es. Punkt. Mir persönlich gefällt das auch nicht aber ich muss es akzeptieren.
Ich bin auch kein begeisterter Fan von Helmut Kohl. Allerdings komme ich nicht umhin, einige Tatsachen zu registrieren:

Helmut Kohl wurde viermal von den Bürgern der Bundesrepublik zum Bundeskanzler gewählt. Er ist nicht nur der Vorbereiter und Erbauer der Deutschen Einheit, er hat auch maßgebend die Fundamente der europäischen Einheit mit geschaffen. Damit hat Europa die Chance erhalten ein ernstzunehmendes Gegengewicht zu den USA zu sein. Das verdient Respekt.
Dazu kommt noch: Jeder Mensch, egal ob er Bundeskanzler oder Müllmann ist, verdient Achtung und Respekt.
Diese Achtung und diesen Respekt lassen Herr Schwan und Herr Tilman vermissen.

Je mehr ich in diesem Buch las, umso besser verstand ich warum Frau Maike Kohl – Richter die Tonbandprotokolle zurückgefordert und auch bekommen hat. Dafür bleibt es für mich ein Rätsel, warum zwei gestandene und seriöse Journalisten in den Rinnstein der Boulevardpresse steigen. Denn das Buch ist kein Buch sondern übelster Journalismus und zeigt warum viele Journalisten fast noch unbeliebter als Politiker sind.

Fazit: Nur für sensationsbegeisterte zu empfehlen. Wer Niveau mag und sich nicht graue Haare „anärgern“ möchte, sollte meinen Fehler nicht wiederholen und sich das Geld sparen.

Nachtrag: Nach dem ich erleben musst wie Herr Kohl auf der Frankfurter Buchmesse vorgeführt wurde, bezweifel ich nun auch, dass Frau Kohl – Richter die Tonbandprotokolle zurückgefordert hat um ihren Mann zu schützen. Wie geht doch dieser Song im Musical „Cabarett“?: Money… Money Money makes the world go around …

Herbert Schwan, Tilman Jens : Vermächtnis Die Kohlprotokolle Wilhelm Heyne Verlag München 2014

UWE Tellkamp geboren 18.10.1968

Als ich „Das verlorenen Paradies“ von Elmar Faber gelesen hatte und während ich den Artikel für meine Blog schrieb, kam mir ein Gedanke: Du hast Dich schon lange nicht mehr um Uwe Telkamp gekümmert. Also begab ich mich in die Tiefen des Internets und wurde fündig. In der Berner Zeitung wurde am 02.10.2014 ein Essay veröffentlicht in dem der Autor des viel diskutierten Romans „Der Turm“ knapp skizziert wie es mit den Hauptfiguren des Romans nach der Wende weitergeht.

Ich will mich aber hier zu dem Roman nicht äußern, sondern zu dem Schriftsteller Uwe Tellkamp. Den Roman habe ich ausführlich im Literaturkreis vorgestellt.

Es war schon eine kleine Sensation: Der Roman beginnt, da war Uwe Tellkamp 14 Jahre und endet als er 21 ist. Er muss gewusst haben, dass Ihn daraus der Vorwurf, dass er damals noch viel zu jung gewesen sei und er somit gar keine Berechtigung auf einen Wahrheitsanspruches seines Romans hat. Dass er ihn dennoch geschrieben hat und sich auch der kritischen Öffentlichkeit stellte verdient Respekt.

Allerdings fiel es mir schwer, seine Äußerungen zu verstehen. Ein wenig verwirrend und in einer fast unerreichbaren intellektuellen Höhe schwebend kam er mir vor. Er sagte was er dachte ohne Rücksicht auf Verluste und das oft noch in mehr als anspruchsvoller Sprache (überkandidelt).
Die Wogen glätteten sich und es zog etwas Ruhe ein. Bis 2010 das Schauspiel zum Turm die deutschen Bühnen betrat. Jens Groß und Armin Petras hatten den Roman für die Bühne eingerichtet. Tellkamp, der sich in der Zwischenzeit  wieder in Dresden wohnhaft gemacht hat und nach wie vor , auch wegen seiner Äußerungen über Dresden und die Dresdner, nicht von allen freundlich begrüßt wird, gibt anlässlich der Premiere des Bühnenstückes in Wiesbaden der Dramaturgin des Theaters ein Interview und stößt die Dresdner wieder vor den Kopf:
„Was ist denn diese Bürgerlichkeit? Die besteht aus einem guten Dutzend alteingesessener Dresdner Familien. Ich nenne das immer die Stahlträger, die die acht Ecken der Frauenkirche halten. In Pieschen oder in Kleinzschachwitz* ist den Leuten dieses ganze Brimborium um das alte Dresden vollkommen wurscht.“1

Nun, ich habe weder in Pieschen noch in Kleinzschachwitz sondern in Tolkewitz gewohnt, aber mir ist die Wiederherstellung von historischen Kulturwerten in meiner Vaterstadt keinesfalls wurscht. Ich beeide auch, dass nicht zu den Stahlträgern der Frauenkirche gehöre, wohne ich doch schon seit 1979 nicht mehr in Dresden. Und wir Sachsen sagen „Brimborschium“!
Aber es ist halt seine Meinung, die ich,wie gerade gezeigt, nicht teile aber akzeptiere. Das war 2010.
Das Jahr 2012 ist wieder ein wichtiger Meilenstein für Uwe Tellkamp: Der Film „Der Turm“ wird in der ARD ausgestrahlt. Wieder wird der Autor interviewt. Eines lässt mich aufmerksam werden: Jetzt erklärt er immer wieder sinngemäß: Ich habe im Turm beschrieben was ich halt erlebt habe, In meiner Familie war es so, das konnte ein zwei Häuser weiter schon wieder anders sein. Dem kann, sogar der härteste Turmgegner, doch zugestimmt werden. Aber was mich viel mehr beeindruckt hat: Am 3.10.2012 hält Tellkamp bei der Feierlichkeiten im sächsischen Landtag eine Rede. Im Sachsenspiegel wird ein kurzer Ausschnitt gesendet, aber dieser bewog mich mir diese Rede zu besorgen. Hier zwei Zitate:
„Viele Menschen haben das Gefühl, daß etwas ganz grundsätzlich nicht mehr stimmt. Daß wir darüber nachdenken müssen, ob die derzeitige Gesellschaftsordnung noch in der Lage ist, die Probleme zu meistern. Leben wir tatsächlich in einer Demokratie? Oder zeigen sich nich vielmehr feudale Züge in unserer sozialen Verfaßtheit? Man könnte sie eine Tele- oder Talkshowkratie nennen. Die Aufbruchshoffnungen von 1989 sind der Düsternis unserer krisengezeichneten Gegenwart gewichen. Es herrscht eine seltsame Stimmung, viele Menschen flüchten sich in Nischen, Angst, Verzagtheit, Opportunismus herrschen, Depression. Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf blühende Landschaften erscheint als Illusion. In vielem erinnert mich diese dunkle Windstille an die Stimmung in der späten DDR.“ 2

Und er schließt seine Ausführungen:

„Globalisierung ist wichtig und wahrscheinlich richtig. In diesem Prozeß aber drohen menschliches Maß und Werte wie Rücksicht und Vernunft vergessen zu werden. Heute müssen wir die Langsamkeit, die natürlichen Zyklen von Reifung gegen ein Höher, Schneller, Weiter verteidigen, das sich verselbständigt, ein faustisches Prinzip Wachstum, das eines offenbar nicht mehr weiß: wofür. Es ist Zeit für eine Besinnung.“2
Das und noch mehr sagt der Autor des Turmes in einer Öffentlichkeit, die öffentlicher gar nicht sein kann. Vor allen was Rang und Namen hat im Bundesland Sachsen. Das nenne ich Zivilcourage.
Als ich nun inspiriert durch die Beschäftigung mit Elmar Faber auf die Idee kam nach Neuigkeiten von Uwe zu schauen fand ich das Essay in der Berner Zeitung mit dem Titel: „Wendezeit – Eastern Team“. Skizzenhaft entwickelt Tellkamp den Werdegang einiger der Haupthelden aus dem Turm. Darüber hinaus erzählt er in klaren und kurzen Sätzen wie es in den Zeiten der Wende zuging. Schon das ist eine Sensation: Der Autor des Turmes ist für seine langen Schachtelsätze bekannt. Ein Halbsatz kann schon mal über eine halbe Seite gehen. In seinem Essay ist das anders. Auch hier möchte ich ein Zitat als Beispiel bringen:

„Die Treuhand begann ihre Arbeit. Das frühere Luftfahrtministerium an der Leipziger Strasse wurde zum Staat im Staat und für viele Ostdeutsche zum Inbegriff des Bösen. Die grösste Holding der Welt entstand, ihre Protagonisten hatten Carte blanche und die Versicherung, für nichts haftbar gemacht werden zu können. Niemand wusste, wie man eine Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft überführt. Glücksritter kamen – wie im Jahr Eins Rohr die Conquistadoren ins Aztekenreich. Sie kauften für einen Pappenstiel Betriebe, verscherbelten teuer die Immobilien, die den Betrieben gehörten, und kümmerten sich einen Dreck um die Belegschaft und ihre Lebensleistungen. Es kamen auch ehrbare Kaufleute und Unternehmer, das gehört zur Wahrheit über die Treuhand. Sie hatten drei Probleme: Altlasten, Weltmarktentwicklungen und Stolz. Der Sozialismus war eine Reparaturwerkstatt gewesen. Wer aber brauchte sie noch, die Genies der Reparatur? Man brauchte Werkbänke, vor allem die verlängerten. Mit Bundesbürgschaften stiess sich manches faule Unternehmen aus dem Westen gesund. Die faulen Unternehmen des Ostens verschwanden. Die, die nicht faul waren, verschwanden oft auch. Auch der Westen hatte Interessen.“3
Ich verstehe Uwe Tellkamp immer besser. Das mag daran liegen, dass wir Beide (obwohl ich da einen unüberholbaren Vorsprung an Jahren habe) seit erscheinen des Turmes ein paar Erfahrungen älter geworden sind.

Ich frage mich aber, warum ist dieses Essay in einer Schweizer Zeitung erscheinen? Ist Tellkamps Rede im Landtag 2012 etwa der Grund für sein Auftreten bei den Eidgenossen?
Zum Schluss doch noch ein Wort zum Turm: Mir ging es so, dass je länger ich las um so mehr lesen wollte. Ich konnte gar nicht glauben, dass nach 973 Seiten Schluss war. So warte ich nun seit fast sechs Jahren auf die angekündigte Fortsetzung. Ob der Folgeroman der den Arbeitstitel „Lava“ trägt, je erscheinen wird, wissen allein der Autor und sein Verlag.

Quellenverzeichnis:
1 http://www.suhrkamp.de/news/atlantis_geschichten_aus_einem_versunkenen_land_1644.html
2 Veranstaltungen des sächsischen Landetages – Festakt zum Tag der Deutschen Einheit 3.10.12 Heft 53
3 http://www.bernerzeitung.ch/kultur/buecher/Wendezeit-Eastern-Time/story/13034505
PS: Alle drei Dokumente liegen auch als PDF – Dokument vor. Bei Interesse lasse ich diese gern per Mail zukommen.

Elmar Faber: Verloren im Paradies

Elmar Faber, geboren 1934, hat einen Weg hinter sich, der Anfangs für viele Menschen der DDR gilt, sich dann aber doch unterscheidet: Nichte viel brachten es zum Verlagschef.

Faber macht sein Abitur an der ABF. Ausgeschrieben ist das: Arbeiter und Bauernfakultät. Dort schickte die junge DDR Mädchen und Jungen aus einfachsten Verhältnissen hin um sie zum Abitur zu führen. Schließlich war die die DDR ja im Verständnis der Staats- und Parteispitze ein „Arbeiter und Bauernstaat“. Es war ein Unsinn: Erst bildete man Arbeiter- und Bauernkinder aus, förderte ihr Studium. Nachdem das Studium abgeschlossen war und sie als Ingenieure, Ärzte, Journalisten… wurden, zählten sie nicht mehr zur Arbeiterklasse. Ihre Kinder hatten es zum Beispiel schwer überhaupt zum Abitur zu kommen. Die gewollte „sozialistische Intelligenz“ wurde von den Machthabern misstrauisch beobachtet und behandelt. Nah diesem kleinen Exkurs zurück zu Faber:

Nach dem Abitur studierte er in Leipzig Germanistik, wurde nach dem Studium Redakteur und Chefredakteur einer Literaturzeitschrift und wechselt anschließend als Lektor in den Verlag Edition Leipzig, dessen Chef er von 1975 bis 1983 war. 1983 wurde er Chef des Berliner Aufbauverlages, den er bis 1992 vorstand.

Sein Buch „Verloren im Paradies“ ist seine Autobiographie. Sachlich berichtet er über die Arbeit in den Verlagen, wir schwärmerisch wenn er von der ABF und seinem Studium berichtet und oft bricht seine romantische Ader voll durch. Auch hat seine Verehrung der Schriftstellerin Christa Wolf Einfluss auf seinen Schreibstil. Der macht das lesen nicht einfach. Es ist kein Buch, in dem man noch ein paar Seiten vorm einschlafen lesen kann. Es erfordert ständige Konzentration.

Wer dran bleibt erfährt Erstaunliches. So gab es schon zu tiefsten DDR Zeiten gemeinsame Verlagsprojekte zwischen Ost und West. Davon bekam der „Normalbürger“ nicht viel mit. Staunend lass ich von Prachtbänden des Verlages Edition Leipzig und dass sie begehrte Tauschware waren. Bildband gegen Leder für Bucheinbände zum Beispiel.

Der Leser erfährt von den Zwiespalt, künstlerisch anspruchsvolle Bücher zu verlegen und der Zensur des Staates. Mit List und Pfiffigkeit und einer guten Portion Zivilcourage ist es ab und an gelungen. Ich bestätige: Auch wenn es schwer war, bestimmte Bücher zu bekommen, wurde doch der Anspruch der Verlage: Gute Bücher (inhaltlich und Buchkünstlerisch) für erschwingliche Preis anzubieten. „Verloren im Paradies“ kostet 22,90 €. In der DDR wären 9,90 M fällig gewesen. Ostmark versteht sich. Rechnet man das mit 1:4 um: Dafür bekommt man heute nicht mal einen Schutzumschlag!

Auf die Erklärung des Titels muss man lange warten aber auf Seite 230 steht dann: „In Widersprüche verwickelt, kamen wir uns verloren vor, verloren im Paradies“.

Als Chef des Aufbauverlages erlebt Faber die Wende mit und berichtet von der Vernichtung von Büchern in Ausmaßen. Es waren nicht nur Bücher die den Sozialismus hochhoben. Bücher von Adamow bis Zola, druckfrisch auf Paletten eingeschweißt kamen die Bücher auf den Müll. Das nenne ich eine Kristallnacht ohne Feuer! Wer weder mir noch Elmar Faber so richtig glaubt dem empfehle ich hier nachzulesen:

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/warum-heute-nur-noch-ein-dutzend-der-einst-78-buchverlage-der-ddr-existiert-was-vom-osten-uebrig-blieb,10810590,10566028.html  (Ich habe den Artikel auch als PDF in meinen Archiv, ich stelle ihn gern per Mail zur Verfügung.)

Als Faber nach 1945 anfing mit Lernen und Arbeiten, hatte er sich , wie Millionen Menschen, geschworen: Wir machen alles Anders und besser, aus dem Untergang haben wir die Chance eine schönere bessere Welt aufzubauen. Jedoch alle Hoffnungen wurden enttäuscht.

Noch einmal hat Faber einen Zusammenbruch erlebt und wieder erleben müssen, dass die daraus erwachsenden Hoffnungen nicht erfüllt wurden. So wie wir Alle musste er es ertragen, dass uns unser Leben erklärt wurde. Er schreibt:

„… weil nach der Wende die Sterndeuter von DDR Wirklichkeit hoch ins Kraut schossen, dass sie von ihren Aussichtstürmen gar nicht mehr den Erdboden sahen, nicht sahen was dieser für Früchte trug“.

Faber konstatiert, dass sich im Grunde nicht viel geändert hat: „ Ich war verblüfft über die Ähnlichkeit der politischen Akteure, sosehr sie sich auch im Charme und Eleganz und im Umgang mit der Sprache voneinander unterschieden. Sie heiligten die eigenen Zwecke und Mittel auch, wie die Jesuiten“.

Wer Wert legt auf eine ehrliche Schilderung über die Buchkultur in der DDR, dem lege ich das Buch von Elmar Faber ans Herz. Abschließend erlaube ich mir noch ein Zitat, welches sich auf Seite 153 befindet aber gut am Anfang oder auch am Schluss stehen könnte:

„Ich weiß nur, dass wir die Erinnerung brauchen an alles was uns begleitet, was uns gehört, in den hellen und dunklen Jahren unserer gefährdeten Existenz. Wenn wir nämlich das Summen des Sommers nicht mehr wahrnehmen, nicht mehr seine Früchte sammeln, verlernen auf dem Grashalm Musik zu machen, werden wir verstummen und schließlich auch die Bücher nicht mehr lesen können. Wir werden vergessen, dass die Literatur, einem alten Sprichwort folgend, ein Quell ist, der vom Paradies ausgeht und die Erde bewässert“.

Wenn ich es mit meinen Worten sage: Erinnern wir uns. Lassen wir uns unser Leben nicht von Besserwissern nehmen!

(Elmar Faber: „Verloren im Paradies“ Aufbauverlag Berlin 2014)

Was vom lesen bleibt

Ein Satz, denn ich nie vergessen werde

Eigentlich wollte ich als nächsten Artikel über Elmar Fabers „Verloren im Paradies“ schreiben. Aber er schreibt nicht einfach und so muss ich noch fertig lesen.

Außerdem hat mich ein ehemaliger Schulkamerad an meinen Eintrag in sein Poesiealbum erinnert und so dafür gesorgt, dass ich vom Paradies abgelenkt wurde. (Ein Glück, dass es ehemalige Schulkameraden gibt. Sie sind immer gut für eine Ausrede.)

Nun zu den Kiebichen: Der Sohn der Familie will bei der Arbeitsgemeinschaft Puppenspiel mit machen. Das ärgert und entsetzt den Vater der Familie: Mädchen spielen mit Puppen und Jungen spielen Fußball. Basta! Sohnemann muss sich gegen allerlei Intrigen des Vaters behaupten. Mit Hilfe seiner Freunde gelingt es ihm ganz gut.

Die Puppenspieler haben sich, entsprechend der Zeit (so um 1962 rum), ein passendes Stück ausgedacht. „Waudiwuffs Reise ins Weltall“.

Die Kinder basteln ihre Puppen, die Kulissen und Requisiten selbst. Jeder erschafft die Puppe, die er im Spiel auch führen wird. Für den Kiebichsohn steht eine neue Bewährungsprobe an. Er soll den Dackel Waudiwuff spielen, der nur am Ende des Stückes auftritt, um mit der Rakete in das Weltall zu fliegen.

Endlich ist der große Abend da. Das Spiel nimmt seinen Lauf. Dann kommt der Auftritt des Waudiwuffs: Selbstbewusst und stolz schreitet (Puppenspieldackel können das) er zu Rakete, steigt in diese und schaut noch einmal aus der Luke. Wie es sich für ein Puppenspiel gehört können Dackel selbstverständilch auch sprechen und so sagt der tapfere kleine Waudiwuff :

„Mit dem Herzen am rechten Fleck, kommt man sauber durch den größten Dreck.“

Mitschüler, Eltern und sogar der Kiebichvater sind begeistert. Einer hat sich nicht nur durchgeboxt, sondern auch die kleinste Rolle im Puppenspiel ganz groß gespielt!

Genau diesen Satz habe ich meinen Schulkameraden in das Poesiealbum geschrieben. Wenn mich heute Jemand um einen Eintrag in ein Poesiealbum oder ähnlichen bitten würde, ich schriebe ihn diesen Satz hinein.

[Robinsons billige Bücher (RBB) Nr. 87 „Diese Kiebiche“ von Dagmar Alstaed im Kinderbuchverlag der DDR (1962?)]

 

Otto Julius Bierbaum, ein zu unrecht vergessener Autor

Kurzbiographie

 

Otto Julius Bierbaum wurde am 23.06.1865 in Grünberg – Niederlausitz geboren. Seine Vater Otto Bierbaum ist Konditormeister, seine Mutter Henriette ist die Tochter einer Bergmannsfamilie.

1870 siedeln die Bierbaums nach Leipzig um und eröffnen dort die „Bierbaumsche Bierwirtschaft“. Diese wirft soviel ab, dass Sohn Otto Julius eine solide Ausbildung erhalten kann. Er bekommt die Grundlagen der Bildung im Dresdner Freimaurerinstitut vermittelt. Besucht dann Gymnasien in Leipzig und Wurzen. An den Universitäten in Zürich, München und Berlin studiert er dann Philoso­phie, Geschichte, Rechtswissenschaft und Sinologie. Geplant ist eine Anstellung im chinesischen Konsulatsdienst. kurz vor dem Abschlussexamen ist allerdings mit dem mit dem bierbaumschen Bierboom Schluss. Der Vater muss Bankrott anmelden.

Schon während seiner Gymnasialzeit ist Otto Julius der Literatur- und Theaterschwärmerei verfal­len. deshalb beschließt er, sich in München eine Existenz als Journalist aufzubauen. Schnell findet er Freunde unter der bayrischen Schriftstellerriege. Am Ammersee lernt er seine 1. Frau Gusti Rathge­ber kennen. Bierbaum erwirbt sich in wenigen Jahren einen Namen als Literaturkritiker und Kunst- Feuilletonist. Er selbst wird von der Schreibbesessenheit erfasst, die ihn nie wieder loslassen wird. Er tummelt in fast allen Bereichen der Literatur. 1892 geht er mit seiner Frau nach Berlin und leitet dort die „Freie Bühne“.

Seine Frau verliebt sich in den Musiker Oskar Fried. Die Scheidung erfolgt 1899. Nach einen kurzen Zwischenhalt in Wien geht er wieder in sein geliebtes München. Dort heiratet er  1901 die Florentinerin Gemma Brunetti – Lotti. Sie wird von ihm und allen die sie kennen, als große Schön­heit gepriesen. Unter den zeitgenössischen Literaten vermerkte man neidisch: „Die schönsten Frauen muss man den phantasielosesten Männer überlassen. Dieser Bierbaum, der Schurke, hat im­mer Glück bei Häusern und Weibern.“

1902 unternehmen die Beiden eine Reise mit dem Auto. Im 35 km/h Tempo geht es von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein. Die in Briefform entstandenen Reisebeschreibung erhält den Titel: „Eine empfindsame Reise mit dem Automobil“.

1908 lässt sich das Paar in Dresden nieder. Hier erhofft sich Bierbaum die Ausheilung seines Nie­renleidens. Auf anraten des Arztes unternimmt das Ehepaar eine Schiffsreise. Es ist seine letzte Reise und 1909 erscheint sein letzter Reisebericht: „Die Yankeedoodle – Fahrt“.

Am 01.02.1910 erliegt er seinen Herz- und Nierenleiden in Dresden. Seinem Willen entsprechend wird die Urne nach München überführt.

Thomas Mann schrieb: „Es könnte sein, dass sangbares Lied seines Mundes noch lebt, wenn vieles, was heute gewichtiger ist, vergessen ist.“ Leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Bierbaum, der Mitbegründer der Zeitschrift „Insel“, aus der der Inselverlag entstand, ist heute ziemlich vergessen.

Ein geflügeltes Wort entsteht

Da sitzt Bierbaum, zurück von der großen Schiffsreise, an seinem Schreibtisch. Die Notizen und Fotos von der Kreuzfahrt durch den Orient hat er auf den Tisch gepackt. Daraus soll nun ein Reisebericht werden. Locker, fröhlich wie von ihm gewohnt und vom Verleger erwartet, Aber so fröhlich fand er die Reise nicht. Wenn er an die Mitreisenden und ihre Ignoranz denkt. Auch er hatte so seine Probleme, hat sich durch sein Verhalten selbst beschämt. Außerdem war es seiner Frau und ihm viel zuwenig gelungen, auf eigene Faust auf Erkundung von Land und Leuten zu gehen. Man unterliegt immer dem Herdentrieb. Natürlich gab es auch schöne Erlebnisse und viel zu viel Hammel.

Das noch immer nicht ausgeheilte Nierenleiden und sein rebellisches Herz wollen auch keine Lockerheit aufkommen lassen. An diesem Punkt seine Überlegungen angelangt, gibt er sich einen Ruck: Schließlich ist er Literat und von dieser Arbeit leben seine Frau und er. Also muss und wird er schreiben, entsprechend seines Markenzeichens humorvoll. Nun scheint der Stift wie von selbst auf dem Papier zu schreiben. Einen Satz für den Anfang, einen mit Humor. Und da steht: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“

Soweit diese kleine fiktive Geschichte. Tatsache ist jedoch: Dieser von uns heute noch so oft gebrauchte Satz wird Bierbaum zugeschrieben. Er stellte ihn der Yankeedoodel – Fahrt als Motto vor-an. Auf fast auf allen Internetseiten, die sich mit Bierbaum beschäftigen findet man diesen Hinweis, Häufig an erster Stelle.
Aus mir unbekannten Gründen fehlt in meiner Buchausgabe das Motto. Aber:

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“

Wer nun neugierig auf diesen Otto Julius Bierbaum geworden ist, dem empfehle ich zwei lesenswerte Reiseberichte:

1. Die Yankeedoodle Fahrt – Eine Schiffreise in den Orient,
2. Eine empfindsame Reise im Automobil – Von Berlin nach Sorrent und zurück an      den Rhein

Benno Pludra der Kinderbuchautor ist tot

Am 27.08 2014 verstarb der Kinderbuchautor Benno Pludra in Potsdam. Meine Generation ist mit seinen Büchern groß gewurden. Wir suchten mit Lütt Matten nach der weißen Muschel, reisten mit nach Sundevit und retteten  einen kleinen Hund (Bootsmann auf der Scholle) von einer Eisscholle. Wir flüchteten von der Insel der Schwäne wieder zur Großmutter an die See.
Pludras Kinderfiguren waren nie einfach. Sie hatten Probleme, und manchmal kamen sie auch nicht zurecht. Es ist diese Erzählweise, die Benno Pludra bei uns Kindern so beliebt machte.
Ich habe an Ihn eine besondere Erinnerung: Ich habe schon als Kind viel und gern gelesen. 1966 meinte meine Deutschlehrerin dann wäre ja eine Lesung mit Benno Pludra gerade richtig für mich. Ich wäre eh eine Leseratte und ich würde auch reden wie ein Buch und dies ganz gut. Das lies ich mir nicht zweimal sagen. Ich weiß nicht aus welchen seiner Bücher Pludra gelesen hat. Ich kann auch nicht mehr rekapitulieren um was es in der anschließenden Gesprächsrunde ging. Auf alle Fälle um Kinder- und Jugendbücher sowie Filme. Nicht nur von Pludra.
Wie das so war in der DDR, waren die meisten der 13 bis 14 Jährigen die bei dieser Lesung  mehr oder weniger gezwungen dabei. Aber auser mir quasselten noch zwei Andere fleißig mit.  Am Schluß der Veranstaltung erhielten wir drei je ein Buch von Benno Pludra geschenkt. Ich bekam „Sheriff Teddy“ und er schrieb hinein: „Für Rolf Pflug – alles Gute Benno Pludra 1966“.
Dieses Buch habe ich bei der Nachricht vom Tod Benno Pludras wieder hervogekramt und natürlich gleich auf meiner Lesehitsche in ihm geblättert.