Elmar Faber, geboren 1934, hat einen Weg hinter sich, der Anfangs für viele Menschen der DDR gilt, sich dann aber doch unterscheidet: Nichte viel brachten es zum Verlagschef.

Faber macht sein Abitur an der ABF. Ausgeschrieben ist das: Arbeiter und Bauernfakultät. Dort schickte die junge DDR Mädchen und Jungen aus einfachsten Verhältnissen hin um sie zum Abitur zu führen. Schließlich war die die DDR ja im Verständnis der Staats- und Parteispitze ein „Arbeiter und Bauernstaat“. Es war ein Unsinn: Erst bildete man Arbeiter- und Bauernkinder aus, förderte ihr Studium. Nachdem das Studium abgeschlossen war und sie als Ingenieure, Ärzte, Journalisten… wurden, zählten sie nicht mehr zur Arbeiterklasse. Ihre Kinder hatten es zum Beispiel schwer überhaupt zum Abitur zu kommen. Die gewollte „sozialistische Intelligenz“ wurde von den Machthabern misstrauisch beobachtet und behandelt. Nah diesem kleinen Exkurs zurück zu Faber:

Nach dem Abitur studierte er in Leipzig Germanistik, wurde nach dem Studium Redakteur und Chefredakteur einer Literaturzeitschrift und wechselt anschließend als Lektor in den Verlag Edition Leipzig, dessen Chef er von 1975 bis 1983 war. 1983 wurde er Chef des Berliner Aufbauverlages, den er bis 1992 vorstand.

Sein Buch „Verloren im Paradies“ ist seine Autobiographie. Sachlich berichtet er über die Arbeit in den Verlagen, wir schwärmerisch wenn er von der ABF und seinem Studium berichtet und oft bricht seine romantische Ader voll durch. Auch hat seine Verehrung der Schriftstellerin Christa Wolf Einfluss auf seinen Schreibstil. Der macht das lesen nicht einfach. Es ist kein Buch, in dem man noch ein paar Seiten vorm einschlafen lesen kann. Es erfordert ständige Konzentration.

Wer dran bleibt erfährt Erstaunliches. So gab es schon zu tiefsten DDR Zeiten gemeinsame Verlagsprojekte zwischen Ost und West. Davon bekam der „Normalbürger“ nicht viel mit. Staunend lass ich von Prachtbänden des Verlages Edition Leipzig und dass sie begehrte Tauschware waren. Bildband gegen Leder für Bucheinbände zum Beispiel.

Der Leser erfährt von den Zwiespalt, künstlerisch anspruchsvolle Bücher zu verlegen und der Zensur des Staates. Mit List und Pfiffigkeit und einer guten Portion Zivilcourage ist es ab und an gelungen. Ich bestätige: Auch wenn es schwer war, bestimmte Bücher zu bekommen, wurde doch der Anspruch der Verlage: Gute Bücher (inhaltlich und Buchkünstlerisch) für erschwingliche Preis anzubieten. „Verloren im Paradies“ kostet 22,90 €. In der DDR wären 9,90 M fällig gewesen. Ostmark versteht sich. Rechnet man das mit 1:4 um: Dafür bekommt man heute nicht mal einen Schutzumschlag!

Auf die Erklärung des Titels muss man lange warten aber auf Seite 230 steht dann: „In Widersprüche verwickelt, kamen wir uns verloren vor, verloren im Paradies“.

Als Chef des Aufbauverlages erlebt Faber die Wende mit und berichtet von der Vernichtung von Büchern in Ausmaßen. Es waren nicht nur Bücher die den Sozialismus hochhoben. Bücher von Adamow bis Zola, druckfrisch auf Paletten eingeschweißt kamen die Bücher auf den Müll. Das nenne ich eine Kristallnacht ohne Feuer! Wer weder mir noch Elmar Faber so richtig glaubt dem empfehle ich hier nachzulesen:

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/warum-heute-nur-noch-ein-dutzend-der-einst-78-buchverlage-der-ddr-existiert-was-vom-osten-uebrig-blieb,10810590,10566028.html  (Ich habe den Artikel auch als PDF in meinen Archiv, ich stelle ihn gern per Mail zur Verfügung.)

Als Faber nach 1945 anfing mit Lernen und Arbeiten, hatte er sich , wie Millionen Menschen, geschworen: Wir machen alles Anders und besser, aus dem Untergang haben wir die Chance eine schönere bessere Welt aufzubauen. Jedoch alle Hoffnungen wurden enttäuscht.

Noch einmal hat Faber einen Zusammenbruch erlebt und wieder erleben müssen, dass die daraus erwachsenden Hoffnungen nicht erfüllt wurden. So wie wir Alle musste er es ertragen, dass uns unser Leben erklärt wurde. Er schreibt:

„… weil nach der Wende die Sterndeuter von DDR Wirklichkeit hoch ins Kraut schossen, dass sie von ihren Aussichtstürmen gar nicht mehr den Erdboden sahen, nicht sahen was dieser für Früchte trug“.

Faber konstatiert, dass sich im Grunde nicht viel geändert hat: „ Ich war verblüfft über die Ähnlichkeit der politischen Akteure, sosehr sie sich auch im Charme und Eleganz und im Umgang mit der Sprache voneinander unterschieden. Sie heiligten die eigenen Zwecke und Mittel auch, wie die Jesuiten“.

Wer Wert legt auf eine ehrliche Schilderung über die Buchkultur in der DDR, dem lege ich das Buch von Elmar Faber ans Herz. Abschließend erlaube ich mir noch ein Zitat, welches sich auf Seite 153 befindet aber gut am Anfang oder auch am Schluss stehen könnte:

„Ich weiß nur, dass wir die Erinnerung brauchen an alles was uns begleitet, was uns gehört, in den hellen und dunklen Jahren unserer gefährdeten Existenz. Wenn wir nämlich das Summen des Sommers nicht mehr wahrnehmen, nicht mehr seine Früchte sammeln, verlernen auf dem Grashalm Musik zu machen, werden wir verstummen und schließlich auch die Bücher nicht mehr lesen können. Wir werden vergessen, dass die Literatur, einem alten Sprichwort folgend, ein Quell ist, der vom Paradies ausgeht und die Erde bewässert“.

Wenn ich es mit meinen Worten sage: Erinnern wir uns. Lassen wir uns unser Leben nicht von Besserwissern nehmen!

(Elmar Faber: „Verloren im Paradies“ Aufbauverlag Berlin 2014)

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