Als ich „Das verlorenen Paradies“ von Elmar Faber gelesen hatte und während ich den Artikel für meine Blog schrieb, kam mir ein Gedanke: Du hast Dich schon lange nicht mehr um Uwe Telkamp gekümmert. Also begab ich mich in die Tiefen des Internets und wurde fündig. In der Berner Zeitung wurde am 02.10.2014 ein Essay veröffentlicht in dem der Autor des viel diskutierten Romans „Der Turm“ knapp skizziert wie es mit den Hauptfiguren des Romans nach der Wende weitergeht.

Ich will mich aber hier zu dem Roman nicht äußern, sondern zu dem Schriftsteller Uwe Tellkamp. Den Roman habe ich ausführlich im Literaturkreis vorgestellt.

Es war schon eine kleine Sensation: Der Roman beginnt, da war Uwe Tellkamp 14 Jahre und endet als er 21 ist. Er muss gewusst haben, dass Ihn daraus der Vorwurf, dass er damals noch viel zu jung gewesen sei und er somit gar keine Berechtigung auf einen Wahrheitsanspruches seines Romans hat. Dass er ihn dennoch geschrieben hat und sich auch der kritischen Öffentlichkeit stellte verdient Respekt.

Allerdings fiel es mir schwer, seine Äußerungen zu verstehen. Ein wenig verwirrend und in einer fast unerreichbaren intellektuellen Höhe schwebend kam er mir vor. Er sagte was er dachte ohne Rücksicht auf Verluste und das oft noch in mehr als anspruchsvoller Sprache (überkandidelt).
Die Wogen glätteten sich und es zog etwas Ruhe ein. Bis 2010 das Schauspiel zum Turm die deutschen Bühnen betrat. Jens Groß und Armin Petras hatten den Roman für die Bühne eingerichtet. Tellkamp, der sich in der Zwischenzeit  wieder in Dresden wohnhaft gemacht hat und nach wie vor , auch wegen seiner Äußerungen über Dresden und die Dresdner, nicht von allen freundlich begrüßt wird, gibt anlässlich der Premiere des Bühnenstückes in Wiesbaden der Dramaturgin des Theaters ein Interview und stößt die Dresdner wieder vor den Kopf:
„Was ist denn diese Bürgerlichkeit? Die besteht aus einem guten Dutzend alteingesessener Dresdner Familien. Ich nenne das immer die Stahlträger, die die acht Ecken der Frauenkirche halten. In Pieschen oder in Kleinzschachwitz* ist den Leuten dieses ganze Brimborium um das alte Dresden vollkommen wurscht.“1

Nun, ich habe weder in Pieschen noch in Kleinzschachwitz sondern in Tolkewitz gewohnt, aber mir ist die Wiederherstellung von historischen Kulturwerten in meiner Vaterstadt keinesfalls wurscht. Ich beeide auch, dass nicht zu den Stahlträgern der Frauenkirche gehöre, wohne ich doch schon seit 1979 nicht mehr in Dresden. Und wir Sachsen sagen „Brimborschium“!
Aber es ist halt seine Meinung, die ich,wie gerade gezeigt, nicht teile aber akzeptiere. Das war 2010.
Das Jahr 2012 ist wieder ein wichtiger Meilenstein für Uwe Tellkamp: Der Film „Der Turm“ wird in der ARD ausgestrahlt. Wieder wird der Autor interviewt. Eines lässt mich aufmerksam werden: Jetzt erklärt er immer wieder sinngemäß: Ich habe im Turm beschrieben was ich halt erlebt habe, In meiner Familie war es so, das konnte ein zwei Häuser weiter schon wieder anders sein. Dem kann, sogar der härteste Turmgegner, doch zugestimmt werden. Aber was mich viel mehr beeindruckt hat: Am 3.10.2012 hält Tellkamp bei der Feierlichkeiten im sächsischen Landtag eine Rede. Im Sachsenspiegel wird ein kurzer Ausschnitt gesendet, aber dieser bewog mich mir diese Rede zu besorgen. Hier zwei Zitate:
„Viele Menschen haben das Gefühl, daß etwas ganz grundsätzlich nicht mehr stimmt. Daß wir darüber nachdenken müssen, ob die derzeitige Gesellschaftsordnung noch in der Lage ist, die Probleme zu meistern. Leben wir tatsächlich in einer Demokratie? Oder zeigen sich nich vielmehr feudale Züge in unserer sozialen Verfaßtheit? Man könnte sie eine Tele- oder Talkshowkratie nennen. Die Aufbruchshoffnungen von 1989 sind der Düsternis unserer krisengezeichneten Gegenwart gewichen. Es herrscht eine seltsame Stimmung, viele Menschen flüchten sich in Nischen, Angst, Verzagtheit, Opportunismus herrschen, Depression. Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf blühende Landschaften erscheint als Illusion. In vielem erinnert mich diese dunkle Windstille an die Stimmung in der späten DDR.“ 2

Und er schließt seine Ausführungen:

„Globalisierung ist wichtig und wahrscheinlich richtig. In diesem Prozeß aber drohen menschliches Maß und Werte wie Rücksicht und Vernunft vergessen zu werden. Heute müssen wir die Langsamkeit, die natürlichen Zyklen von Reifung gegen ein Höher, Schneller, Weiter verteidigen, das sich verselbständigt, ein faustisches Prinzip Wachstum, das eines offenbar nicht mehr weiß: wofür. Es ist Zeit für eine Besinnung.“2
Das und noch mehr sagt der Autor des Turmes in einer Öffentlichkeit, die öffentlicher gar nicht sein kann. Vor allen was Rang und Namen hat im Bundesland Sachsen. Das nenne ich Zivilcourage.
Als ich nun inspiriert durch die Beschäftigung mit Elmar Faber auf die Idee kam nach Neuigkeiten von Uwe zu schauen fand ich das Essay in der Berner Zeitung mit dem Titel: „Wendezeit – Eastern Team“. Skizzenhaft entwickelt Tellkamp den Werdegang einiger der Haupthelden aus dem Turm. Darüber hinaus erzählt er in klaren und kurzen Sätzen wie es in den Zeiten der Wende zuging. Schon das ist eine Sensation: Der Autor des Turmes ist für seine langen Schachtelsätze bekannt. Ein Halbsatz kann schon mal über eine halbe Seite gehen. In seinem Essay ist das anders. Auch hier möchte ich ein Zitat als Beispiel bringen:

„Die Treuhand begann ihre Arbeit. Das frühere Luftfahrtministerium an der Leipziger Strasse wurde zum Staat im Staat und für viele Ostdeutsche zum Inbegriff des Bösen. Die grösste Holding der Welt entstand, ihre Protagonisten hatten Carte blanche und die Versicherung, für nichts haftbar gemacht werden zu können. Niemand wusste, wie man eine Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft überführt. Glücksritter kamen – wie im Jahr Eins Rohr die Conquistadoren ins Aztekenreich. Sie kauften für einen Pappenstiel Betriebe, verscherbelten teuer die Immobilien, die den Betrieben gehörten, und kümmerten sich einen Dreck um die Belegschaft und ihre Lebensleistungen. Es kamen auch ehrbare Kaufleute und Unternehmer, das gehört zur Wahrheit über die Treuhand. Sie hatten drei Probleme: Altlasten, Weltmarktentwicklungen und Stolz. Der Sozialismus war eine Reparaturwerkstatt gewesen. Wer aber brauchte sie noch, die Genies der Reparatur? Man brauchte Werkbänke, vor allem die verlängerten. Mit Bundesbürgschaften stiess sich manches faule Unternehmen aus dem Westen gesund. Die faulen Unternehmen des Ostens verschwanden. Die, die nicht faul waren, verschwanden oft auch. Auch der Westen hatte Interessen.“3
Ich verstehe Uwe Tellkamp immer besser. Das mag daran liegen, dass wir Beide (obwohl ich da einen unüberholbaren Vorsprung an Jahren habe) seit erscheinen des Turmes ein paar Erfahrungen älter geworden sind.

Ich frage mich aber, warum ist dieses Essay in einer Schweizer Zeitung erscheinen? Ist Tellkamps Rede im Landtag 2012 etwa der Grund für sein Auftreten bei den Eidgenossen?
Zum Schluss doch noch ein Wort zum Turm: Mir ging es so, dass je länger ich las um so mehr lesen wollte. Ich konnte gar nicht glauben, dass nach 973 Seiten Schluss war. So warte ich nun seit fast sechs Jahren auf die angekündigte Fortsetzung. Ob der Folgeroman der den Arbeitstitel „Lava“ trägt, je erscheinen wird, wissen allein der Autor und sein Verlag.

Quellenverzeichnis:
1 http://www.suhrkamp.de/news/atlantis_geschichten_aus_einem_versunkenen_land_1644.html
2 Veranstaltungen des sächsischen Landetages – Festakt zum Tag der Deutschen Einheit 3.10.12 Heft 53
3 http://www.bernerzeitung.ch/kultur/buecher/Wendezeit-Eastern-Time/story/13034505
PS: Alle drei Dokumente liegen auch als PDF – Dokument vor. Bei Interesse lasse ich diese gern per Mail zukommen.

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