Ein Bundeskanzler wird demontiert.

Die Autoren:

Heribert Schwan: Dr. phil. geboren 1944 war Redakteur beim Deutschlandfunk und beim WDR – Fernsehen. Erhielt den Adolf Grimme Preis für seinen Film „Die verdrängte Gefahr – Neonazismus.
Tilman, Jens geboren 1954 lebt in Frankfurt am Main. Zahlreiche Dokumentationen für ARD und Arte. Mitarbeit bei den Kulturmagazinen von ARD, 3 Sat, Arte.

Das Buch

Es hat seinen Grund warum ich die Autoren und ihre Tätigkeiten kurz erläutert habe. Wir werden noch sehen warum.

Heribert Schwan wurde als „Ghostwriter“ für die Autobiographie Helmut Kohls engagiert. In den Jahren 2001 und 2002 entstanden so 630 Stunden Tonbandaufzeichnungen. Diese sind die Grundlage für das Buch. Obwohl: Es verdient die Bezeichnung Buch wirklich nicht. Auf 220 Seiten werden ausgesuchte Zitate kommentiert. (Gesamtseitenzahl: 256. 14 Seiten für Vorsatzblätter, Inhaltsverzeichnis und Vorwort sowie 22 Seiten für den Anhang, bleiben 220).

Die beiden Autoren zitieren Helmut Kohl immer nur in kurzen Abschnitten. Diese werden dann flapsig ironisch kommentiert. Selten, und dann nur angedeutet, wird deutlich warum Herr Kohl so abfällige Bemerkungen über seine Zeitgenossen äußert. Aus 630 Stunden Gesprächsaufzeichnungen werden nur Schnipsel die in das Konzept des Buches passen herausgerissen und aus der Sicht der Autoren erläutert und kommentiert.

Immer wieder kommen die Journalisten auf die Spendenaffäre zu sprechen und versuchen das Schweigen Helmuts Kohl als schlimme kriminelle Tat darzustellen. Das jedoch nenne ich kriminell! Jeder Bürger unseres Landes hat das Recht die Aussage zu verweigern. Man kann niemanden, nur weil er Bundeskanzler war, dieses Recht verweigern. Herr Kohl hat sein Wort gegeben und er hält es. Punkt. Mir persönlich gefällt das auch nicht aber ich muss es akzeptieren.
Ich bin auch kein begeisterter Fan von Helmut Kohl. Allerdings komme ich nicht umhin, einige Tatsachen zu registrieren:

Helmut Kohl wurde viermal von den Bürgern der Bundesrepublik zum Bundeskanzler gewählt. Er ist nicht nur der Vorbereiter und Erbauer der Deutschen Einheit, er hat auch maßgebend die Fundamente der europäischen Einheit mit geschaffen. Damit hat Europa die Chance erhalten ein ernstzunehmendes Gegengewicht zu den USA zu sein. Das verdient Respekt.
Dazu kommt noch: Jeder Mensch, egal ob er Bundeskanzler oder Müllmann ist, verdient Achtung und Respekt.
Diese Achtung und diesen Respekt lassen Herr Schwan und Herr Tilman vermissen.

Je mehr ich in diesem Buch las, umso besser verstand ich warum Frau Maike Kohl – Richter die Tonbandprotokolle zurückgefordert und auch bekommen hat. Dafür bleibt es für mich ein Rätsel, warum zwei gestandene und seriöse Journalisten in den Rinnstein der Boulevardpresse steigen. Denn das Buch ist kein Buch sondern übelster Journalismus und zeigt warum viele Journalisten fast noch unbeliebter als Politiker sind.

Fazit: Nur für sensationsbegeisterte zu empfehlen. Wer Niveau mag und sich nicht graue Haare „anärgern“ möchte, sollte meinen Fehler nicht wiederholen und sich das Geld sparen.

Nachtrag: Nach dem ich erleben musst wie Herr Kohl auf der Frankfurter Buchmesse vorgeführt wurde, bezweifel ich nun auch, dass Frau Kohl – Richter die Tonbandprotokolle zurückgefordert hat um ihren Mann zu schützen. Wie geht doch dieser Song im Musical „Cabarett“?: Money… Money Money makes the world go around …

Herbert Schwan, Tilman Jens : Vermächtnis Die Kohlprotokolle Wilhelm Heyne Verlag München 2014

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